Wie kommt eigentlich ein Festival mit internationaler Country Music an die Ostseeküste? - Eine Frage, die sich schon viele Leute gestellt haben. Die Antwort darauf geht bis ins Jahr 1982 zurück, und sie hat einen einfachen Namen: Carolin! Damals wohnte der Country-Music-Fan Helmut Köhl noch im Frankfurter Raum, und als er nach der Geburt von drei Söhnen endlich auch Vater einer Tochter wurde, war die Freude so groß, daß er in seinem kleinen Reihenhaus-Garten ein großes Fest mit Live-Musik feierte. Die Country-Band Drifters Caravan, die damals auf der winzigen Terasse aufspielte, hatte er zuvor bei einer geschäftlichen Veranstaltung in Frankfurt kennengelernt.
Im Frühjahr 1984 zog die Familie Köhl nach Schönberg an die Ostsee, doch das Country-Music-Virus ließ sie
nicht mehr los. Deshalb engagierte Helmut Köhl Drifters Caravan für ein Konzert an die Ostsee und ließ
sich auch nicht davon beirren, daß er bei der Anmeldung der Veranstaltung vom zuständigen Gemeindemitarbeiter
zu hören bekam: "Country Music? So etwas brauchen wir hier nicht." Auch daß der Start mit 30 zahlenden Zuschauern
in Witt's Gasthof in Krummbek als eher holprig zu bezeichnen war, beeindruckte ihn nicht.
Denn schon ein Jahr später plante Helmut Köhl den großen Wurf. Er zog um in die große Reithalle in Schönberg,
verpflichtete wieder Drifters Caravan und dazu den Künstler, für den Drifters Caravan in Europa die Begleitband
gab: den leider kürzlich verstorbenen König der Trucker Dave Dudley! Und diesmal kam das Publikum in Scharen.
Die Reithalle platzte aus allen Nähten, als Dave Dudley standesgemäß mit einem Truck in die Halle gefahren wurde.
Das Internationale Country-Music Festival in Schönberg war geboren.
In den nächsten Jahren fand das Festival an wechselnden Orten statt. 1987 gab es in der Ostseehalle Kiel
mit Wanda Jackson, Billy Walker und George Hamilton IV
erstmals ein echtes Großaufgebot amerikanischer Country-Stars. Auch erstmals dabei: Colorado aus Schottland,
von denen in den nächsten Jahren noch zu hören sein sollte. Doch die Ostseehalle erwies sich als zu steril für
diese Art von Veranstaltung. Die Leute wollen herumlaufen, auch mal an die frische Luft gehen, an den
Verkaufsständen stöbern und trotzdem nahe bei der Musik sein. Deshalb gab es im Juli 1988 Country-Music im großen
4-Mast-Zirkuszelt am Schönberger Strand, und zwar erstmals über drei Tage. Das Wochenende war total verregnet, aber
Wanda Jackson und Billy Walker waren begeistert von der Atmosphäre in Schönberg, so daß sie 1989
gerne wiederkamen, um mit dem Festival auf große Deutschland-Tournee durch 8 Städte zu gehen. Beim Auftakt in
der Reithalle Schönberg war auch wieder Dave Dudley dabei.
1990 wurde der dem Standort angemessene Name Ostsee-Festival geboren, das zum letzen Mal in der Reithalle
stattfand. Denn 1991 wurde die neue Gewerbehalle in Schönberg fertig, in der von nun an auch das Ostsee-Festival
seinen Platz fand.
Zur Hausband des Festivals entwickelte sich in diesen Jahren Colorado aus Schottland,
die sich mit toller schottischer Country-Music und einer mitreißenden Live-Show in die Herzen der Zuschauer spielten.
Vor allem, wenn die Band in schottischen Trachten aufspielte und den Dudelsackspieler Bobby Coghill mitbrachte,
kannte die Begeisterung keine Grenzen.
Im Jahr 1996 passierte etwas, womit man gelegentlich rechnen muß, wenn man ein Festival mit mehreren Bands organisiert: ein Hauptact aus Amerika sagte kurzfristig ab. So kurzfristig gleichwertigen Ersatz aus der Country-Szene zu
verpflichten, war nahezu unmöglich. Jedoch bot sich eine große Chance, die jedoch auch ein Wagnis war. Denn zwei
Tage nach dem Ostsee-Festival sollte in Kiel eine der besten Gospel-Bands aus Amerika auftreten:
The Golden Gospel Singers. Und sie waren am Samstag noch frei. Nach kurzem Zögern entschloß sich Helmut
Köhl, das Experiment zu starten und machte den Weg frei für das vielleicht erste Gospel-Country-Festival. Und
was soll man sagen - die Zuschauer waren von den Socken. Die Golden Gospel Singers lieferten
eine wahnsinnige Show ab, die selbst die eingefleischtesten Country-Fans zum Toben brachte.
Das Experiment Gospelmusik beim Country-Festival war gelungen. Das lag zum guten Teil daran, daß das Ostsee-Festival nicht mit Truckerfesten vergleichbar ist, wie man sie in Süddeutschland häufig antrifft. Die meisten Zuschauer sind keine Country-Fans im engeren Sinne, sondern Freunde guter, hochklassiger Live-Musik. Und genau die finden sie beim Ostsee-Festival - ob es Country Music ist oder eben auch mal was anderes. Das wissen die Stammkunden, die teilweise von Anfang an jedes Jahr dabei sind und an der Kasse mit Handschlag begrüßt werden.
In den letzten Jahren wurde die Lagerhalle der Sleep&Dreamhotel Polsterbetten-Manufaktur zu einer Produktionshalle
für Polsterbetten umgebaut und konnte nicht mehr für Musikfestivals genutzt werden. Deshalb wurde das Ostsee-Festival
nach draußen verlegt und fand fortan auf dem Rasenplatz hinter der Halle statt. 2001 konnte dort zum Beispiel Lynn Anderson begrüßt werden, die sich mit dem Titel Rose Garden einen Namen gemacht hatte. Leider war sie
so sehr von sich eingenommen, daß sie Autogramme nur auf CDs gab, die sie selbst an diesem Abend verkauft hatte. So
mußte ein Fan, der extra eine Schallplatte von zuhause mitgebracht hatte, ohne Autogramm wieder abziehen. Doch das ist
die absolute Ausnahme beim Ostsee-Festival, denn normalerweise gibt es hier Musik zum Anfassen, und alle Künstler
stehen nach dem Auftritt bereitwillig für Autogramme zur Verfügung.
Im Juni 2004 war schließlich das letzte Ostsee-Festival in Schönberg angesagt. Die Sleep&Dreamhotel
Polsterbetten-Manufaktur mußte dringend ihre Produktionsstätten vergrößern und war auf der Suche
nach einer neuen Gewerbehalle in Kiel-Wellingdorf im Seefischmarkt fündig geworden. Zwei Wochen vor dem
Umzug zum 1.Juli 2004 ging im Schönberger Gewerbegebiet noch einmal die Post ab.
Hauptact des Abends waren
Sarah Jory & Jezebel aus England, die den hohen Erwartungen vollauf gerecht wurden.
Sarah Jory bewies
eindrucksvoll, warum sie zu den besten Steelgitarristen der Welt gezählt wird. Zusammen mit Philip Walker
an der E-Gitarre und der stimmlichen Unterstützung von Jamie Lovett gab sie eines der besten Konzerte, das
das Ostsee-Festival-Publikum in den letzten Jahren gesehen hat.
Zusammen mit dem veranstaltenden Unternehmen, der Sleep&Dreamhotel Polsterbetten-Manufaktur, zieht das Ostsee-Festival
nun um nach Kiel-Wellingdorf. Dort stellt IFM-GEOMAR, das Leibniz-Insitut für Meereswissenschaften,
einen sehr schönen Platz direkt am Wasser zur Verfügung. Es gibt nicht viele Namen, die Helmut Köhl gerne
auf der Ostsee-Festival-Bühne sehen wollte und die nicht da waren. Tammy Wynette hätte er haben können, damals war ihm das finanzielle Risiko zu groß. Emmylou Harris wäre beinahe gekommen, sagte dann aber doch ab. Der einzige
Name, der in der Liste noch fehlt, sind die Bellamy Brothers.
Diese Lücke wird geschlossen - am Samstag, den 13.August 2005 beim 18.Ostsee-Festival 2005 im Seefischmarkt in Kiel Wellingdorf. Und neben den Bellamy Brothers sind mit Mike Bella & The Blue Boys, Kim Carson & Buffalo Speedway und Power Man's Grave sind auch in diesem Jahr weitere interessante Künstler dabei, die einen abwechslungsreichen Abend versprechen.